Bildungspolitik in Berlin

Bildungspolitik in Berlin – eine Stellungnahme

Für die nachfolgenden Anmerkungen zur Berliner Bildungssituation nehme ich mal folgende Kolumne über die Bildungspolitik in Berlin als Ausgangspunkt:

Harald Martenstein, “Berliner Niveaulimbo”,in: Der Tagesspiegel, 11.5.2014

“Der Tagesspiegel hat in der vergangenen Woche gemeldet, dass an den Berliner Schulen die Leistungsanforderungen ein weiteres Mal gesenkt werden. In der Vergangenheit gab es in Berlin nämlich, verglichen mit anderen Bundesländern, hohe Durchfallquoten bei den Abschlussprüfungen. Um das Problem zu lösen, haben sie durch einige Verwaltungsmaßnahmen das Durchfallen nahezu unmöglich gemacht. Eine „5“ in Mathematik können die Schüler beim mittleren Abschluss zum Beispiel mit einer „3“ in Deutsch ausgleichen früher war eine „2“ notwendig. Um zu erreichen, dass wirklich jeder Schüler im Fach Deutsch eine „3“ erreichen kann, wurde der schriftliche Anteil der Prüfung, also Diktate, Aufsätze und dergleichen, auf nahezu null zurückgefahren. Es genügt offenbar, einige Worte sprechen zu können. Vielleicht wird daraus eine Art Sport unter den besonders ehrgeizigen Schülern – wer schafft es, sogar in Berlin durch die Prüfung zu fallen?

Es wäre ein Kinderspiel, die Probleme des Berliner Flughafens auf ähnliche Weise zu lösen. Man müsste einfach nur die Sicherheitsanforderungen senken, etwa beim Brandschutz. Man müsste per Dekret anordnen, dass nicht funktionierende Laufbänder

und nicht schließende Türen bei einem Flughafen akzeptabel sind – und schon morgen, schwupps, startet der erste Jet Richtung Mallorca. Fly the Wowereit Style! Man wird es natürlich nicht tun, erstens wegen internationaler Rechtsvorschriften. Zweitens, weil jedem sofort klar ist, dass so etwas zu einer Katastrophe führt.

Bei den Schülern führt es aber ebenfalls zu einer Katastrophe, nur nicht zu einer so spektakulären wie einem Flugzeugabsturz. Schüler, die nicht lernen mussten, sich anzustrengen. Schüler, die fast nichts wissen. Schüler, denen niemand die Chance gegeben hat, an Misserfolgen zu wachsen. Schüler, die nach vielen vergeudeten Jahren ein Zeugnis in der Hand halten, das wertlos ist.

Kein Unternehmen wird das Zeugnis ernst nehmen. Wer eine Stelle will, muss erst mal eine Prüfung absolvieren, diesmal eine echte, keine Berliner Pseudoprüfung. Das hat der Schüler aber nicht gelernt. Hinter der Schulreform steckt nicht Menschenfreundlichkeit. Es stecken Gleichgültigkeit und Skrupellosigkeit dahinter. Hauptsache, unsere Statistik stimmt, 98 Prozent erfolgreiche Prüfungen.

Was aus den jungen Leuten hinterher wird, ist doch nicht unser Problem. Man könnte die Unternehmen natürlich dazu verpflichten, Berliner Schulabgänger einzustellen, egal, ob die schreiben können oder nicht. Dies wäre der logische nächste Schritt. Für eine noch bessere Idee halte ich es, die Schulen zu schließen und das gesparte Geld gleich, ohne Umwege, in die Sozialhilfe fließen zu lassen.”

Bildungspolitik

c) by CreaPro

Einige Leser werden jetzt meinen, mit diesem Bezug würden Polemik oder Unsachlichkeit geadelt. Tatsache ist vielmehr, dass H. Martenstein ein scharfsinniger Beobachter der Berliner Realität ist und eine erfahrene und mittlerweile desillusionierte Journalistengeneration repräsentiert.

In der Tat ist es frappant, dass sich unsere Gesellschaft, im Besonderen die Berliner (Wählerschaft), nun schon seit Jahren eine hanebüchende Bildungspolitik bieten lässt, für die die SPD durch immer schlechter werdendes politisches Personal hauptverantwortlich ist.

Unbestritten ist, dass unser überkommenes Bildungssystem seit Jahrzehnten von der gesellschaftlichen Entwicklung “veraltet” wurde.

Aber in der föderalen Bundesrepublik, wo jedes Bundesland in seine eigene Kulturhoheit vernarrt ist, ist Bildungspolitik zu einer Abfolge von Versuch und Irrtum geworden. Zu einer bundeseinheitlichen Leit-Entwicklung sind die Länder gemeinsam weder willens noch fähig.

Vieles zeigte sich auch in Berlin nicht mehr zeitgemäß, etwa das dreigliederige Schulsystem aus Haupt-, Realschule, und Gymnasium mit zäher Durchlässigkeit, worunter vor allem die “Spätstarter” unter den Schülern zu leiden hatten – was zur Erfindung der Gesamtschulen geführt hatte und inzwischen dazu, möglichst alles in neue Sekundarschulen zu kippen.

Hinzu kamen Fehler, ich nenne da die Abschaffung der Pädagogischen Hochschulen, die Abschaffung der Vorschulen, die Vernachlässigung des Bildungsauftrages durch ein Jahrzehnt dummer Sparpolitik und den Ausfall von Personalpolitik. Berlin steht mittlerweile vor einem Scherbenhaufen im Bildungsbereich, die Verantwortlichen der Bildungspolitik machen aber aktionistisch weiter, als sei man mitten in der Verwirklichung eines langfristigen Konzepts, das es nicht gibt.

Ja, Berlin zeichnet sich im Besonderen dadurch aus, dass man mit Hauruck und Haudrauf nicht zu Ende gedachte Veränderungen anordnet, sie frech “Reformen” nennt, deren Nachbesserung man nicht hinbekommt und stattdessen wieder neue “Korrekturen” vornimmt, ohne Erfahrungen aufgearbeitet zu haben.

Zum einen ist ein Totalausfall zu konstatieren, was die Berücksichtigung immer breiterer wissenschaftlicher Erkenntnisse für die Bildungspolitik betrifft. Folgerungen aus der der Hirnforschung spielen eben so wenig eine Rolle, wie Erkenntnisse über das Lernen an sich, zur Motivation und über biologische Rahmenbedingungen. Das ist nicht im Fokus der Bildungspolitik.

Breite und Tiefe der fachlichen Anforderungen, die “Rahmenpläne” im weitesten Sinne, werden weder ausgemistet noch angepasst. Und dann wird noch mit “G 8″ ein Schuljahr Vermittlungszeit gestrichen.

Apropos “der Ausbildung Zeit stehlen”: Als früherer Gymnasiast habe ich keinen Dünkel, aber kann mir mal jemand erklären, warum ein Gymnasiast mit Versetzungszeugnis eine Extra-Prüfungstaffel für den MSA (Mittleren SchulAbschluss, füher: Mittlere Reife oder Realschulabschluss) ablegen muss, für die im Schulalltag direkt vorbereitet wird? Was will die Bildungspolitik hier erreichen?

Und natürlich wird verlangt, dass die Schüler mittlerer bis höherer Klassen die aktuellen elektronischen und digitalen Hilfsmittel einsetzen, Internet-Recherchen, Powerpoint-Präsentationen, usw. Und das, obwohl ein Teil der überalterten Lehrkräfte dem selbst gar nicht gewachsen ist und nicht hilfreich sein kann, ein Teil der Schüler herkunfts- und wohlstandsmäßig keinen oder eingeschränkten Zugang dazu hat. Was könnte die Bildungspolitik hier leisten?

Gleichzeitig unterwirft man sich kopflos dem Leistungsdruck internationaler Vergleiche wie PISA-Studien usw. Zuerst machen sie Rückstände sichtbar, danach müssen “die Ergebnisse stimmen”. Dafür scheut man auch kosmetische Manipulationen nicht.

Und es muss einmal deutlich gesagt werden: Gerade Berlin hat mit Eigenheiten zu kämpfen, die andere so nicht, nicht in dieser Summe oder nicht in solcher Schärfe haben, z.B. : Migrationshintergrund, gleichzeitig nicht aufgelöste und sich nicht auflösende “Parallel-Lebenswelten” aus u.a. bildungsfernen oder sozial problematischen Elternhäusern, fremd-abweichenden kulturellen Praktiken und Gewohnheiten, einem Diaspora-Verhalten, sozialer Segregation, kliquenbildendem Jugendalltag, eingeschränkten Deutschkenntnissen, Ghettoisierungen, nicht bewältigter akuter Zuwanderung und vieles mehr (nicht zu vergessen: Respektlosigkeit und schlechtes Benehmen).

Alles in allem erschwert dies adäquate Bildungs- und Erfolgsnachweise. Und Personal für individuelle Förderung und Betreuung wird einfach nicht gegeben. Schon die normale Schulausstattung wird seit Jahrzehnten auf Verschleiß und Mangel gefahren. Danke, Bildungspolitik!

Damit das alles nicht so auffällt, wird nun auch noch aktiv (siehe oben) an den Stellschrauben gedreht, indem die Anforderungen für schulisches Weiterkommen und Schulabschlüsse nach unten manipuliert werden.

Die Krönung ist eigentlich die Aussage eines Pädagogen in der jüngsten Presse: Um ungeeignete Zugänge zur Oberstufe am Gymnasium wegen zu geringer Anforderungen zu verhindern, müsse man künftig (oh Schreck!) die Schüler schlechter bewerten als sie es verdienten!

Was die Schüler “lernen” und als selbstverständlich verinnerlichen, ist ohne eigene Mühen, ohne Leistungsbeweise und ohne ernste Anforderungen trotzdem Ziele zu erreichen. Sie lernen nicht, ohne eigenen Einsatz und Qualitätsnachweis zu scheitern. Diese Erfahrung fehlt zum Erwachsenwerden und zur Persönlichkeitsbildung. Wen wundert es also, wenn derart vorgeprägte junge Menschen verzweifeln, sobald sie bei der Führerscheinprüfung “durchfallen”, keine Lehrstelle oder Anstellung finden oder ihren Berufsabschluss nicht schaffen?

Martenstein nennt die Ursachen bei den Verantwortlichen in der Bildungspolitik “Gleichgültigkeit” und “Skrupellosigkeit”.

Man könnte “Verantwortungslosigkeit” und “erwiesene Unfähigkeit” hinzufügen. Wieso wählen wir also das politisch verantwortliche Personal immer wieder? Wo erhebt sich der Protest für bessere Bildung? Ein Wandel in der Bildungspolitik muss und sollte her!

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