Schule ohne Noten – Wie sieht Schule ohne Noten aus?

Schule ohne Noten (vgl. Tagesspiegel vom 24.2.2015, S. 25)

Schule ohne Noten – geht das? Die Frage der Notengebung in unseren Schulen ist (und bleibt vermutlich) ein Endlosthema (nicht nur in Deutschland). Immer wieder tauchten „Fa

chleute“ mit zusammengestellten Argumenten auf,  traten Diskussionen los und fanden immer mal wieder „zuständige Stellen“, die einen Feldversuch beschlossen. Vielleicht sollte man besser sagen: „… zuließen“, denn den diversen Modellen folgten in der Regel irgendwann mehr oder weniger ernst zu nehmende Bewertungen.

Ein durchweg überzeugendes, belastbares Ergebnis für eine „beste Lösung“ ist noch nirgendwo entstanden – bei uns nicht, und im Ausland auch nicht. Gibt es denn eine Schule ohne Noten?

Das praktizierte Durcheinander an Versuchen ist ein Beispiel für den Föderalismus in unserem bundesdeutschen Bildungswesen. Ohne eine staatstheoretische Diskussion führen oder anstoßen zu wollen: das Durcheinander ist Mist!

Schule ohne Noten

Leidtragende sind unsere Kinder als Gruppen-Versuchskaninchen. Einem deutschen Bildungswesen fehlt es an Einheitlichkeit/Geschlossenheit, so ein Flickenteppich muss  internationale Vergleichen belasten und tut das auch.

Ich zeichne mal die „Vielfalt“ in deutschen Landen nach:

Schule ohne Noten in Bayern?

- Bayern führte zum Schuljahresende 2014 bis zur 3. Klasse den Verzicht auf Notengebung ein und ersetzte diese u.a. mit „Lernentwicklungsgesprächen“, eine halbe Stunde individuell für jedes Kind.

Weil man einerseits seiner eigenen Entscheidung nicht traut und andererseits widerständiges Verhalten vermeiden will, ist es eine „Kann-Regelung“, von der nur ein Teil der Schulen Gebrauch gemacht hat.

Schule ohne Noten in Schleswig Holstein?

- Schleswig-Holstein hat eine prinzipielle Notenfreiheit für die gesamte Grundschulzeit eingeführt.
Aber wenn die Schulen es beschließen, können sie auch weiter Noten vergeben …

- in den Ländern Bayern, Sachsen, Brandenburg und Thüringen bestimmt weiterhin der Notendurchschnitt den Übergang auf das Gymnasium.

Schule ohne Noten in Baden-Württemberg?

- die Gemeinschaftsschulen in Baden-Württemberg verzichten auf Benotungen bis zum mittleren Schulabschluss auf jede Notengebung

- Schulen „erfinden“ eigens Bewertungsfelder wie Module, „Einmaleins-Führerschein“, „Rasterzeugnisse“, urteilen nach „Präsentationen“, sammeln „Portfolios“ …. und und und.

Gern wird darauf verwiesen, dass Notengebung „umstritten“ sei. Dass es dazu Meinungsunterschiede unter Lehrern, Bildungsforschern, Schülern und Eltern gibt, ja wahrscheinlich auch unter Großeltern, Hundehaltern und Fahrradfahrern, sagt schlicht zunächst nichts anderes aus als dass jeder seine eigene Meinung haben darf. Und dass er sie äußern darf. Wenn Leute das tun, ist das kein Beleg für gar nichts.

Als Argumente hört man dann viel Nebensächliches, ggf. einfach auch nur dummes Zeug wie:

- eine Objektivität des beurteilenden Lehrers sei nicht sichergestellt

- es gibt keine einheitlichen Standards für Benotungen

- es kann differieren, wie viele Punkte einer Aufgabe zugemessen werden und wie viel Punktabzug für nicht erbrachte Teilleistungen gegeben wird

- ein objektiver Leistungsstand sei gar nicht messbar, sondern würde immer nur im Klassenvergleich möglich

- weil das klassische Notenschema immer von einer Normalverteilung ausgehe, müssten die Noten das gesamte Spektrum abbilden, in dem man vielleicht noch die Schwachen erkennen kann, aber man müsse extra Schwierigkeiten für das Erkennen der besonders Guten einbauen, und deren Heraushebung würde wiederum diejenigen mit Normalleistungen belasten

- immer heterogenere Klassenzusammensetzungen und die Inklusion stünden einem einheitlichen Bewertungsschema entgegen

- die Bewertung mündlicher Leistungen durch Lehrer sei zu unterschiedlich

- Lehrerbeurteilungen würden u.a. davon beeinflusst, ob der Lehrer zuvor besonders schlechte oder gute Arbeiten benotet habe

- Lehrerbeurteilungen seien auch davon beeinflusst, wie der Lehrer die Herkunft und das Familienumfeld einschätze … und und und.

 

Meist wird unengagiert und wohl nur der guten Ordnung halber erwähnt, dass Benotungen auch ihre positiven Aspekte hätten:

- Ziffernnoten sind für jeden leicht verständlich

- Schulnoten geben Orientierung, für den Schüler, für die Eltern, für künftige Arbeitgeber, für künftige Bildungseinrichtungen, sie sind gegeneinander vergleichbar (wo etwa steht derjenige, wo etwa liegen Stärken und Schwächen)

- Studien haben eine ziemlich exakte Vorhersage des Schulerfolgs aufgrund von Schulnoten belegt

 

Als praktizierender Lerntherapeut habe ich eine eigene differenzierte Sicht:

Zunächst steht für mich im Vordergrund, den Kindern einen Sinn im Lernen zu vermitteln, ihnen zu zeigen, dass genau sie das können und dass sie diese Fähigkeiten verbessern und ausbauen können.

Kinder WOLLEN LERNEN, weil ihr Gehirn lernen will. Beide (Kind und Gehirn) werden durch Erfolgserlebnisse befeuert, motiviert. Richtig: dazu braucht es Anerkennung und Erkenntnis! Solche gewinnt der Anleitende in der Zusammenarbeit mit dem Kind, mit der Klasse. Und es kommt darauf an, dem Kind das zu vermitteln, es spüren zu lassen, dass es erfolgreich ist.

 

Das geht, ganz trocken festgestellt, nominal (geschafft/nicht geschafft), ordinal (gut geschafft, geschafft, gerade noch so geschafft) oder kardinal (mit Ziffern, präzise unterscheidbar). Plötzlich sind wir also durchaus ganz direkt und schnell bei Ziffernnoten. Sie sind (auch für Kinder) leicht verständlich, „präzise“ und vergleichbar. Kinder wollen erfolgreich sein und sie ziehen Selbstbewusstsein aus dem Vergleichen (z.B. >besonders gut< oder >besser als<).

 

Wir müssen uns allerdings fragen, ob wir in unserem Bildungssystem der Notengebung immer und überall ein angemessenes Maß einräumen. Und das tun wir sicher nicht!

Wenn das Benotungssystem nicht der Vermittlung von Bewertungen sondern mehr dem „Aussieben“ für entscheidende Weichenstellungen im Bildungsgang und zur Entscheidung über Lebenswege und Lebens-Chancen wird, dann wird das brauchbare Instrument pervertiert. Tun wir nicht teilweise genau das, indem wir immer mehr Tests / schriftlichen Arbeiten ansetzen, Prüfungsdruck und Versagensängste schüren?

Anders ausgedrückt: Was sagt die 5 in Mathe im April, wenn das Kind die Aufgaben im Juni doch gut bewältigt?

 

Warum lassen wir unsere Kinder eigentlich von Lehrern ausbilden? Doch nicht, weil wir nicht jeder selbst Zeit haben, das zu tun. Warum lassen wir sie nicht einfach von ehemals guten Schülern oder kundigen Erwachsenen ausbilden? Weil wir einen guten Ausbildungsstandard der Ausbilder wollen – deshalb müssen Lehrer studieren (oft sogar ein Fach, das der konkrete Unterricht gerade nicht verlangt), müssen sich pädagogisch schulen lassen, sich mit Psychologie, Soziologie usw. beschäftigen – als VORAUSSETZUNG, dass sie unsere Kinder unterrichten dürfen!

Ein Einschub: Ich wäre dafür, dass wir als Gesellschaft mehr Augenmerk darauf verwenden, dass Lehrer auch eine „persönliche Eignung“ beim Lehrerberuf einbringen, dass man Fehlentscheidungen bei der Ausbildung in der Praxis korrigieren kann, dass man bei Eignungsverlusten Alternativen für eine Weiterbeschäftigung bereithält.

Aber wenn wir gut ausgebildete Lehrer haben – dann ist es doch ein Unding, ihnen nicht zuzutrauen, den Leistungsstand unserer Kinder auch in Ziffernnoten auszudrücken!! Warum  vertrauen einige oder viele den Noten nicht, meinen aber eine Erklärung als Text oder im Gespräch akzeptieren zu wollen? Ich halte das für Ablenkung.

 

Vielleicht geht es oft überhaupt nicht um das Instrument der Notengebung? Kann es sein, dass ein Teil der Eltern eine nicht positive Beurteilung des Lehrers für ihr Kind einfach nicht akzeptieren will? Vielleicht kollidiert nur der gedankliche Lebensplan der Eltern für das Kind mit den gegenwärtig gezeigten Leistungen ihres Kindes??

Zweifellos: Gespräch und Dialog zwischen Eltern und Lehrer/Schule ist der fruchtbarste Weg. Wenn dort Erkenntnisse und Möglichkeiten ausgetauscht und abgeglichen werden, wird der Weg für eine erfolgreiche(re) Schulzeit und Bildung aufgezeigt. Das setzt aber beiderseits Einsichtsbereitschaft voraus. Da der Elternwille immer stärkeres Gewicht für die Auswahl der weiterführenden Schule für ihr Kind gewinnt, dürfte sich der Entscheidungseinfluss von Noten abschwächen. Und der Elternwille könnte sich grundsätzlich an den Schulnoten orientieren.

http://blog.zentral-lernen.de/schule-ohne-no…ohne-noten-aus/

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